Das deutsche Handwerk schafft sich ab bzw. wird abgeschafft oder meine Wahrheit über Wertschätzung, Preis und Nachwuchs

Veröffentlicht am 25.01.2019 in Presse

Das duale Ausbildungssystem sorgt unzweifelhaft für eine hohe Qualifikation. Ein System um das uns viele Staaten beneiden und wir als internationales Vorbild gesehen werden. So ausgebildete FacharbeiterInnen geben Auftraggebern eine große Sicherheit, dass die geforderten Leistungen, egal ob als Privatkunde, Architekt oder öffentliche Hand, gut bis zumindest zufriedenstellend erfüllt werden. Dass so qualifizierte Meister bzw. Facharbeiter eine dafür angemessene Entlohnung haben sollen ist folgerichtig.

Doch wie sieht die Realität aus?

Aus Sicht des Auftraggebers, besonders der öffentlichen Hand zählt fast ausschließlich der Preis, das billigste Angebot. Die VOB spricht vom wirtschaftlichsten Angebot. Die Möglichkeiten Ausschreibungen so zu gestalten, dass sich die Wirtschaftlichkeit herausarbeiten lässt, wird in fast allen Fällen nicht angewandt.

Der Anbieter mit den billigsten Preisen wird so gezwungen an allen Ecken und Enden zu sparen, um über die Runden zu kommen und noch Gewinne zu machen. Das gelingt in erster Linie mit dem Einsatz von Subunternehmern oder Leiharbeitnehmern oder mit Materialien, die gerade noch der Norm entsprechen. Ein Beispiel aus meinem Gewerk. Ein Produkt wird namentlich ausgeschrieben mit dem Zusatz gleichwertig. Das namentlich ausgeschriebene Produkt hat einen Preis pro Gebinde von 250,00 €, als gleichwertiges Produkt kann einen Preis von 60,00 € haben. Die vermeintliche Gleichwertigkeit wird sich in einigen Jahren zeigen. Billige Angebote werden auch häufig durch Nachträge wesentlich teurer. Nachträge, die die Mitglieder des Bausenats der Stadt Landshut in nahezu jeder Sitzung zur Kenntnis nehmen und abnicken müssen.

Warum?

Weil Maße sich erhöhen, Änderungen vorgenommen werden und Leistungen nicht in der Ausschreibung erscheinen. Ein versierter Fachmann wird die Lücken erkennen und sein Angebot darauf abstellen. Rückblickend wird das billigste Angebot nicht das Billigste bleiben. Wirtschaftlichkeit sieht anders aus. Es gibt Grund aus Angst vor evtl. Rechtsstreitigkeiten, das Billigste dem Wirtschaftlichsten vorzuziehen. Die vielen Sanierungen, vor allem die kurzen Intervalle, die kurze Haltbarkeit sind so vorprogrammiert. Beispiele gibt es genug, wo aus dem billigsten Preis mittelfristig eine sehr teure Sache wird.

Wer in die Leiharbeit rutscht hat in vielen Fällen keinen Stammplatz in einer Firma gefunden. In den wenigsten Fällen sind Subunternehmen von Meistern geführt. Die hohe Qualifikation eine Meisters/in, eines Facharbeiters/in wird hier nebensächlich. Hauptsächlich billig: „Geiz ist geil!“

Aus Sicht des Auftragsgebers (Handwerksbetrieb):

Fragt man diejenigen Betriebe, warum sie mit Subunternehmern arbeiten, bekommt man meist die Antwort, um konkurrenzfähig zu sein und um die Aufträge abarbeiten zu können.

Bei vielen wird aber analog zu „Geiz ist geil!“ die treibende Kraft die Gewinnmaximierung sein.

Ganz anders als zu Zeiten der Zünfte, wo neben der Verpflichtung zu hoher Qualität aller Mitglieder, vor allem der soziale Zusammenhalt, die soziale Absicherung wesentliche Element waren, so wird mit Leiharbeit und Subunternehmertum die soziale Verantwortung weggedrückt. Die Zeit der Zünfte ist lange vorbei. Es müsste aber jeden interessieren was diese Menschen verdienen, wie sie sozial abgesichert sind, Urlaub usw. Der so vorgezeichnete Weg zur Altersarmut als Konsequenz muss jedem bewusst sein.

Ich gratuliere jedem Betrieb und habe große Hochachtung dafür, wenn sie ihre Aufträge ganz oder weitgehend mit eigenem Stammpersonal (was nicht heißt mit nur einheimischen), deren Qualifikation sie kennen und schätzen, ausführen. Der Weg immer mehr Aufträge anzunehmen, die die Kapazitäten des Betriebes weit übersteigen, enden meist im terminlichen Chaos. Der Einsatz von Fremdpersonal ist aus meiner Sicht der falsche, aber leider gang und gebe.

Statt einem momentanen Hype möglichst viel und sofort, weil einige nur schnelle und große Gewinne im Auge haben, wäre dem Handwerk allgemein mit Kontinuität und langfristiger Verstetigung besser gedient. Das gilt besonders, aber nicht nur, für das Baugewerbe.

Auch manchem Bäcker, der zum Beispiel vorgefertigte Teiglinge aus osteuropäischen Ländern verarbeitet, muss sich fragen lassen ob er dem heimischen Handwerk einen Gefallen tut oder, ob er gerade dabei ist, diesem den Boden zu entziehen. 

Unbestritten ist, dass Handwerker hart arbeiten müssen und nicht nur Leiharbeiter, sondern FacharbeiternInnen im Verhältnis zu MitarbeiterInnen aus der Automobilbranche und Zuliefern, zu niedrig bezahlt sind.

Vor diesem Hintergrund zu glauben, dass bei jungen Frauen und Männern bzw. deren Eltern, Begeisterung für eine Ausbildung im Handwerk zu wecken, ist naiv. Es ist eine gesellschaftliche Entwicklung, das Streben nach absoluter Gewinnmaximierung und die mangelnde Wertschätzung haben diesen Prozess hervorgerufen Die Sonntagsreden von Politikern kann man kaum ernst nehmen. Sicher kann und soll das Handwerk einen Beitrag bei der Integration von Flüchtlingen leisten. Der Eindruck, der aber erweckt wird, jeder könne ohne große Ausbildung – Hauptsache zwei gesunde Hände – die Probleme des Facharbeiter mangels lösen, ist fatal.

Es kann nur über die Ausbildung im dualen System, drei bis dreieinhalb Jahre je nach Gewerk mit mindestens einer einjährigen Vorbereitung auf die Ausbildung, Erfolg haben.

Facharbeiter muss das Ziel sein, nicht Hilfsarbeiter!

Der Mangel an Auszubildenden geht Hand in Hand damit, dass von knapp 30.000 bayerischen Handwerksbetrieben, bei denen die Betriebsnachfolge ansteht, 10.000 keinen Nachfolger finden bzw. damit große Schwierigkeiten haben; die Hälfte wird von Familienmitgliedern weitergeführt. Dazu passend sinkt die Zahl der Neugründungen. Das Geschäft mit der Schwarzarbeit blüht so ganz nebenbei auch richtig auf.

Man muss sich im Klaren sein, dass diese Entwicklung kein Zufall ist, sondern durch das Handeln von Auftraggebern (Kunden) und Auftragsnehmern (Betriebe) entstanden ist und dass dieser Weg noch längst nicht am Ende ist.

Es ist die Enttäuschung, die mich nach 55 Jahren Tätigkeit in meinem geliebten Handwerk dazu bewogen hat, diese Zeilen zu schreiben.

Gerd Steinberger

Stadtrat

Ehrenobermeister der Maler- und Lackiererinnung Landshut

10 Jahre Bezirksinnungsmeister

10 Jahre Mitglied im Vorstand des Landesinnungsverbandes

 

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